
Warum fühle ich mich nicht gesehen? Wenn wir uns selbst aus dem Gespräch zurückziehen
„Warum fühle ich mich nicht gesehen?“
Diese Frage wurde mir für meinen Podcast gestellt – und ich finde, sie steckt voller spannender Aspekte.
Vielleicht kennst du diese Situation:
Du erzählst gerade etwas von dir. Du bist mitten in deiner Geschichte. Und plötzlich erzählt dein Gegenüber von sich.
Vielleicht kennst du das auch.
Du ziehst dich zurück. Wirst still. Und innerlich läuft vielleicht sofort ein Film ab:
Schon wieder hört mir keiner zu.
Meine Geschichte interessiert niemanden.
Ich komme sowieso nicht zu Wort.
Und aus einem eigentlich ganz normalen Gespräch wird plötzlich ein ziemlich unangenehmes Gefühl.
Aber ist es wirklich immer so, dass wir nicht gesehen werden?
Oder passiert manchmal etwas ganz anderes?
Wenn der andere plötzlich seine eigene Geschichte erzählt
Mein erster Impuls ist deshalb ein Perspektivwechsel.
Denn Menschen kommunizieren unterschiedlich.
Manche hören eine Gemeinsamkeit und springen sofort darauf an:
„Das kenne ich auch!“
Und erzählen dann ihre eigene Geschichte.
Das kann natürlich manchmal ziemlich nervig sein.
Aber es muss nicht bedeuten:
„Deine Geschichte interessiert mich nicht.“
Manchmal ist es sogar genau andersherum. Vielleicht versucht der andere auf seine Art, eine Verbindung herzustellen.
Er hört etwas von dir und denkt:
Das kenne ich. Damit kann ich mich verbinden.
Nur leider kann das beim Gegenüber ganz anders ankommen.
Und genau hier lohnt es sich, nicht sofort alles persönlich zu nehmen.
Denn zwischen dem, was jemand tut, und dem, was wir daraus machen, liegt ein ziemlich großer Unterschied.
Wenn aus einem aktuellen Gespräch ein altes Gefühl wird
Besonders interessant wird es, wenn wir merken:
Warum trifft mich das eigentlich so sehr?
Denn manchmal geht es gar nicht nur um die aktuelle Situation.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl schon sehr lange.
Vielleicht gab es früher Situationen, in denen du erlebt hast:
Keiner hört mir zu.
Es interessiert niemanden, was ich zu sagen habe.
Ich darf nicht so viel Raum einnehmen.
Mach dich nicht so wichtig.
Und wenn solche Erfahrungen oder Überzeugungen lange mit uns unterwegs sind, können sie auch im Erwachsenenalter noch ziemlich schnell anspringen.
Dann passiert etwas Interessantes:
Jemand unterbricht uns – und plötzlich fühlen wir uns wieder wie damals.
Wir ziehen uns zurück.
Wir werden leiser.
Wir hören auf zu erzählen.
Und vielleicht denken wir gleichzeitig:
„Na toll. Wieder hat meine Geschichte keinen Platz.“
Dabei sind wir heute erwachsen.
Und genau das ist für mich ein wichtiger Punkt:
Du darfst heute anders entscheiden.
Du kannst wahrnehmen:
Ah, da ist gerade dieses alte Gefühl.
Und gleichzeitig sagen:
„Ich bin heute die Erwachsene. Ich habe einen Platz. Meine Geschichte darf Raum haben.“
Das verändert die Situation.
Denn du musst nicht automatisch so reagieren, wie du es vielleicht irgendwann einmal gelernt hast.
Du musst nicht darauf warten, dass dich jemand wieder auffordert
Wenn dir deine Geschichte wichtig ist und du noch etwas erzählen möchtest, darfst du deinen Raum auch selbst wieder einnehmen.
Ganz freundlich.
Ganz selbstverständlich.
Du könntest beispielsweise sagen:
„Ich möchte noch ganz kurz zu Ende erzählen.“
Oder:
„Ich war noch nicht ganz fertig.“
Mehr braucht es manchmal gar nicht.
Und erstaunlich oft kommt dann vom anderen:
„Ach ja, stimmt. Entschuldigung, ich habe dich unterbrochen.“
Wenn du dich dagegen sofort zurückziehst, bekommt dein Gegenüber diese Chance überhaupt nicht.
Du verlässt das Spielfeld selbst.
Und zurück bleibt dieses unbefriedigte Gefühl:
„Schon wieder wurde ich nicht gesehen.“
Deshalb finde ich diesen Gedanken so wichtig:
Raum einnehmen bedeutet nicht automatisch, anderen den Raum wegzunehmen.
Darf ich überhaupt Raum einnehmen?
Und hier kommen wir zu einer tieferen Frage.
Vielleicht lohnt es sich, einmal ganz ehrlich darüber nachzudenken:
Darf ich Raum einnehmen?
Wie wichtig nehme ich mich selbst?
Darf ich länger über mich sprechen?
Darf ich erzählen, was mich beschäftigt?
Darf ich Aufmerksamkeit bekommen?
Und vor allem:
Glaube ich überhaupt, dass mein Leben für andere interessant ist?
Vielleicht tauchen dabei Sätze auf, die wir schon sehr lange kennen:
Mach dich nicht so wichtig.
Stell dich nicht so in den Vordergrund.
Andere sind jetzt dran.
Sei nicht egoistisch.
Solche Überzeugungen können dazu führen, dass wir uns selbst immer wieder zurücknehmen.
Und zwar nicht unbedingt, weil jemand anderes uns den Raum wegnimmt.
Sondern weil wir ihn gar nicht erst einnehmen.
Muss ich mich immer danach richten, was für andere angenehm ist?
Das ist eine Frage, die ich in diesem Zusammenhang besonders spannend finde.
Vielleicht hast du irgendwann gelernt:
Wenn es den anderen gut geht, bin auch ich sicher.
Also passt du dich an.
Du schaust, was für die anderen angenehm ist.
Du lässt ihnen den Vortritt.
Du hörst zu.
Du stellst dich hinten an.
Und wenn es darauf ankommt, deine eigenen Bedürfnisse oder deine Geschichte einzubringen, ziehst du dich lieber zurück.
Das kann lange funktionieren.
Aber die Frage ist:
Tut es dir eigentlich gut?
Denn wenn du ständig dafür sorgst, dass es für alle anderen angenehm ist, während du selbst immer kleiner wirst, fehlt irgendwann jemand in dieser Gleichung:
Du.
Anpassung kann einmal sinnvoll gewesen sein – muss aber heute nicht mehr passen
Ich finde es wichtig, solche Muster nicht zu verurteilen.
Vielleicht war Anpassung irgendwann eine gute Strategie.
Vielleicht hat sie dir geholfen, dich sicher zu fühlen.
Vielleicht war es damals einfacher, anderen den Raum zu überlassen.
Aber du darfst heute überprüfen:
Brauche ich diese Strategie wirklich noch?
Das ist etwas anderes als zu sagen:
„Ich muss mich jetzt einfach durchsetzen.“
Darum geht es überhaupt nicht.
Es geht nicht um Kampf.
Nicht um beleidigtes Schweigen.
Nicht darum, unbedingt seinen Willen durchzusetzen.
Es geht um etwas viel Ruhigeres:
Wahrnehmen. Entscheiden. Handeln.
Der kleine Unterschied: Rückzug aus Verletzung oder bewusste Entscheidung?
Das ist für mich einer der wichtigsten Gedanken dieser Podcastfolge.
Von außen kann beides ähnlich aussehen.
Du erzählst nichts mehr.
Du gehst nicht weiter in die Tiefe.
Du wechselst das Thema.
Du ziehst dich aus dem Gespräch zurück.
Aber innerlich können zwei völlig unterschiedliche Dinge passieren.
Möglichkeit 1: „Ich fühle mich nicht gesehen.“
Du ziehst dich zurück, weil du verletzt bist.
Vielleicht denkst du:
Na toll. Wieder hört mir keiner zu.
Dann erzähle ich eben gar nichts mehr.
Du bist innerlich im Widerstand und fühlst dich klein.
Möglichkeit 2: „Ich entscheide mich bewusst.“
Du merkst:
Mit diesem Menschen möchte ich jetzt nicht tiefer gehen.
Vielleicht spürst du, dass dein Gegenüber gerade gar nicht die Aufmerksamkeit oder Tiefe mitbringt, die du dir wünschst.
Und dann kannst du sagen:
„Okay. Dann erzähle ich meine Geschichte jetzt nicht weiter.“
Das ist etwas völlig anderes.
Denn diesmal entscheidest du.
Du gibst deinen Raum nicht aus Verletzung auf.
Du entscheidest selbst, wem du was erzählen möchtest und mit wem du in die Tiefe gehen möchtest.
Das fühlt sich auch ganz anders an.
Eine kleine Übung für das nächste Gespräch
Wenn du das nächste Mal merkst:
Oh, jetzt hat die andere Person wieder ihre Geschichte erzählt und ich bin eigentlich noch gar nicht fertig …
dann mach einen kleinen Stopp.
Nicht sofort zurückziehen.
Nicht innerlich beleidigt werden.
Einmal kurz atmen.
Und wahrnehmen:
Was passiert gerade in mir?
Dann kannst du dich fragen:
Will ich meine Geschichte eigentlich noch erzählen?
Wenn die Antwort Ja ist, dann nimm deinen Raum wieder ein.
Zum Beispiel:
„Ja, das kenne ich auch. Ich erzähle dir noch kurz, wie es bei mir weiterging.“
Ganz einfach.
Ohne Kampf.
Ohne Rechtfertigung.
Ohne Drama.
Und wenn deine Antwort Nein ist?
Dann darfst du deine Geschichte auch loslassen.
Nicht aus dem Gedanken heraus:
Mich hört ja sowieso keiner.
Sondern aus einer ganz anderen Haltung:
„Ich entscheide, was ich erzählen möchte und mit wem.“
Das ist ein großer Unterschied.
Du musst nicht jedem Menschen deine ganze Geschichte erzählen
Und vielleicht ist das sogar eine der schönsten Erkenntnisse dabei:
Nicht jeder Mensch muss deine ganze Geschichte kennen.
Es gibt Menschen, mit denen entsteht sofort eine besondere Verbindung.
Manchmal sogar mit jemandem, den du gerade erst kennengelernt hast.
Ihr redet miteinander und plötzlich vergeht die Zeit wie im Flug.
Du hast das Gefühl:
Wow. Das ist ein richtig guter Austausch.
Du bist neugierig auf den anderen.
Der andere ist neugierig auf dich.
Ihr hört euch wirklich zu.
Und vielleicht möchtest du dann ganz automatisch mehr von dir erzählen.
Das ist schön.
Und genau diese Menschen dürfen auch die Menschen sein, mit denen du tiefer gehst.
Du musst deine Geschichte nicht überall und bei jedem Menschen vollständig ausbreiten.
Du darfst auswählen.
Raum einnehmen heißt nicht, egoistisch zu sein
Vielleicht ist genau das etwas, das wir wieder lernen dürfen:
Wir dürfen Raum einnehmen.
Wir dürfen etwas erzählen.
Wir dürfen wichtig sein.
Wir dürfen unsere Gedanken teilen.
Wir dürfen sagen:
„Ich möchte noch etwas dazu erzählen.“
Und das bedeutet nicht, dass wir anderen den Platz wegnehmen.
Im Gegenteil.
Gerade Menschen, die sich fragen, ob sie vielleicht zu viel Raum einnehmen, sind meistens nicht diejenigen, die anderen ständig den Raum streitig machen.
Sie nehmen sich eher selbst zu viel zurück.
Deshalb darfst du ruhig einmal ausprobieren, deine Füße fest auf den Boden zu stellen und dir innerlich zu sagen:
Ich habe meinen Raum.
Ich darf hier sein.
Ich darf mich ausdrücken.
Ich darf meine Gedanken teilen.
Ich darf meine Geschichte erzählen.
Und ich darf gleichzeitig anderen ihren Raum lassen.
Was möchtest du mit deinem Herzen in die Welt bringen?
Diesen Gedanken mag ich besonders:
Wir müssen nicht laut sein, um Raum einzunehmen.
Wir müssen auch nicht ständig im Mittelpunkt stehen.
Aber wenn etwas in uns ist, das wir mit Herz in die Welt bringen möchten, dann dürfen wir es zeigen.
Wir dürfen darüber sprechen.
Wir dürfen uns ausdrücken.
Und wir dürfen am Abend noch in den Spiegel schauen und sagen:
Das, was heute von mir in die Welt gegangen ist, fühlt sich für mich richtig an.
Vielleicht ist das eine viel schönere Form von „gesehen werden“.
Nicht darauf zu warten, dass jemand anderes uns unseren Raum gibt.
Sondern zu wissen:
Ich habe diesen Raum bereits.
Und ich darf selbst entscheiden, wie ich ihn fülle.
Ein kleiner Begleiter für deine Kommunikation
Auch ätherische Öle können dich in solchen Situationen begleiten.
Lavendel finde ich beispielsweise besonders schön, wenn du bewusst in eine Kommunikation gehen möchtest.
Nicht, damit du plötzlich perfekt kommunizierst.
Sondern als kleinen Moment zum Innehalten.
Einmal riechen.
Einmal durchatmen.
Kurz bei dir ankommen.
Und dich fragen:
Was möchte ich eigentlich gerade sagen?
Was möchte ich von mir zeigen?
Darf meine Geschichte heute Raum haben?
Manchmal hilft schon dieser kleine Moment, bevor wir in ein Gespräch gehen, um wieder mehr bei uns selbst anzukommen.
Wenn du dich nicht gesehen fühlst, schau auch einmal nach innen
Vielleicht ist das die wichtigste Frage, die du aus diesem Artikel mitnehmen kannst:
Ziehe ich mich gerade zurück, weil ich mich nicht gesehen fühle – oder entscheide ich mich bewusst dafür, mich zurückzunehmen?
Der Unterschied ist klein und gleichzeitig riesig.
Denn im ersten Fall passiert etwas mit dir.
Im zweiten Fall entscheidest du.
Und genau dort beginnt Selbstbestimmung.
Du musst nicht kämpfen, um gesehen zu werden.
Du musst dich aber auch nicht selbst unsichtbar machen.
Du darfst deinen Raum einnehmen.
Ganz selbstverständlich.
Ganz freundlich.
Und auf deine eigene Art.
Du möchtest lieber zuhören?
Wenn du das Thema lieber hörst als liest, dann lade ich dich herzlich ein, in meine Podcastfolge „Warum fühle ich mich nicht gesehen?“ hineinzuhören.
Und wenn dich solche Fragen beschäftigen, findest du in meinem Podcast „Ausgeglichen. Kraftvoll. Entspannt.“ noch weitere Folgen rund um Selbstfürsorge, Achtsamkeit, Resilienz, innere Muster und die Frage, wie wir lernen können, wieder mehr bei uns selbst anzukommen.
Denn manchmal braucht es gar keine große Veränderung.
Manchmal braucht es nur einen kleinen Moment, in dem wir innehalten und uns fragen:
Was passiert hier gerade eigentlich mit mir?
Und dann dürfen wir neu entscheiden.
Alles Liebe Eva